Fliegen - Über den Wolken
... Über den Wolken
„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein...“ beginnt der bekannte Song von Reinhard Mey, selbst ein passionierter Hobbyflieger. HochGLANZ ist der Einladung der „Luftsportgemeinschaft Paderborn“, dem Verein, der den Flugplatz am Haxterberg betreibt gefolgt und hat sich Paderborn von oben angesehen...
Haxterberg Info, Delta-Kilo-Bravo-Uniform-November, Vieler plus eins abflugbereit zwo vier“. Fluglehrer Gerd Vieler und ich sitzen in einem kleinen zweisitzigen Motorsegler, der mit laufendem Motor am Ende der Startbahn des Flugplatzes Haxterberg steht. Mit diesem Funkspruch dürfen wir nun starten. Ich darf den Gashebel zwischen den Sitzen auf Vollgas schieben, das Flugzeug gewinnt schnell an Geschwindigkeit und kurz danach sind wir auch schon in der Luft.
Es ist erst einmal ein ungewöhnliches Gefühl, anders als ich es mir vorgestellt habe, aber schon nach kurzer Zeit kann ich den Blick über Paderborn genießen.
Man sitzt recht beengt in der Scheibe-Falke SF 25, ein wegen seiner Zuverlässigkeit und gutmütigem Flugverhalten beliebter Motosegler. Es passen gerade mal zwei Erwachsene in das Cockpit, zwischen den Beinen befindet sich der Steuerknüppel, vor meinen Füßen die Pedale für das Seitenruder. Nach einigen Runden lässt mich Gerd Vieler das Flugzeug „mitsteuern“, ich bin erstaunt, mit welch kleinen Bewegungen sich das Flugzeug beeinflussen lässt.
Das kleine Flugzeug ist mit 100 PS recht großzügig motorisiert, der Lärm des Motors wird aber von den Kopfhörern recht gut gedämpft. Über eine Sprechanlage können wir uns während des Fluges gut verständigen.
Der heutige Tag mit klarem Himmel und viel Sonne ist recht windig, das merken wir auch in der Luft, ab und zu macht das Flugzeug unerwartete Auf- und Abwärtsbewegungen, die sich nach einer Weile auch leicht in der Magengegend bemerkbar machen. „Etwas bockig“ sagen die Flieger zu diesem Wetter.
„Die Tüten sind irgendwo da vorne...“ höre ich Gerd Vieler vorsichtshalber sagen, aber trotz des etwas flauen Gefühls: ich habe sie nicht gebraucht...
Paderborn sieht aus der Luft doch etwas anders aus, es dauert etwas, bis ich mich orientieren kann. Herausragend sichtbar ist natürlich der Dom und der innere Ring, aber auch markante Gebäude (wie das HNF oder die Universität) fallen auf, in der Ferne kommt der Lippesee als große blaue Fläche ins Blickfeld.
Unser Rundflug neigt sich dem Ende zu, ein weiterer Funkspruch kündigt uns dem Tower des Flugplatzes an. Je näher wir dem Boden kommen, desto deutlicher spürt man den Wind. „Das ist eine schon eher anspruchsvollere Landung“ wird mir erklärt, die Ladung sei das schwierigste in der Pilotenausbildung. Aber Gerd Vieler setzt den Motorsegler fast unmerklich auf die Piste, wir rollen noch bis auf das Vorfeld, dann stellt er den Motor ab, der Flug ist zu Ende. Leider!
Ich habe immer gedacht, Luftsport sei nur etwas für Leute mit hohem Einkommen. Aber genau deswegen gibt es Vereine wie die „Luftsportgemeinschaft Paderborn“. Hier soll Fliegen für jedermann möglich sein. Insgesamt zwölf Flugzeuge nennt die Luftsportgemeinschaft ihr eigen: Zwei Motorflugzeuge, zwei Motorsegler, ein Ultraleichtflugzeug und sieben Segelflugzeuge.
Die Fluglehrer des Vereins arbeiten allesamt ehrenamtlich, so dass bei der Ausbildung neben den Mitgliedsbeiträgen nur die Kosten für das Chartern des jeweiligen Flugzeuges, nicht aber für den Fluglehrer anfallen. Aber nicht nur die Fluglehrer sind ehrenamtlich tätig. Das ganze Flugplatzleben und der Erhalt der Anlagen wird ehrenamtlich organisiert. Allein Georg Hartmann ist als hauptamtlicher Flugleiter auf dem Tower tätig. Allein mit ehrenamtlichen Kräften ließe sich der Flugplatz nicht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang offen halten. Denn geflogen werden darf nur, wenn der Tower auch besetzt ist. Und nur wenn das möglichst häufig der Fall ist, ist ein Flugplatz auch für auswärtige Gäste attraktiv. Die kommen nicht nur aus den umliegenden Flugplätzen in Bielefeld, Höxter oder Soest, sondern teilweise sogar aus dem Ausland, um Paderborn einen Besuch abzustatten oder nur bei einer Zwischenlandung aufzutanken.
Die Luftsportgemeinschaft ist mit seinen knapp 300 Mitgliedern ein „Gemischtwarenladen“. Will heißen, dass man hier die gesamte Palette des Luftsports betreiben kann: vom ferngesteuerten Modell von wenigen Hundert Gramm für den In-door-Bereich bis hin zur viersitzigen Reisemaschine.
Viele Interessierte beginnen das Fliegen schon im Alter von 14 Jahren. Dann kann es nämlich mit der Ausbildung zum Segelflieger schon losgehen. Dank des ehrenamtlichen Einsatzes der Vereinsmitglieder ist es für einen Jugendlichen durchaus möglich, für Kosten von etwa 1.000 Euro den Segelflugschein zu erwerben. Sobald das gefahrlos möglich ist, darf der junge Flugschüler auch schon allein im Cockpit sitzen und das Flugzeug im Alleinflug am Himmel halten. Der Verein vertraut den angehenden Piloten damit Fluggerät im Wert eine S-Klasse-PKW an. Welcher Vater hätte schon ein solches Vertrauen in Sohn oder Tochter.
Im Alter von 16 Jahren kann der Schüler dann die Pilotenlizenz für den Segelflug erwerben. Offiziell heißt sie PPL-C. Dabei steht PPL für Privat Pilot Licence.
Während der Segelfliegen eher ein Gruppensport ist, geht es im Motorflugbereich eher individuell zu – dank des Motors. Da braucht nämlich niemand die Flugzeuge an den Start ziehen, die Winde bedienen, die das Segelflugzeug an den Himmel katapultiert oder das Startseil von der Winde zurückholen. Während im Segelflug immer ein halbes Dutzend Flieger anwesend sein müssen, spielt sich die Ausbildung im Motorflug weitgehend allein zwischen Fluglehrer und Flugschüler ab. Das ist folglich weniger aufwändig und nicht so wetterabhängig. Auch wenn ich gelernt habe, dass man zum Segelfliegen keinen Wind braucht, ist der Segelflieger von der Thermik abhängig. Und die gibt es nun mal in der Natur nicht so konstant wie die „Thermik“, die beim Motorflugzeug aus dem Tank kommt. Im Motorflugbereich endet die Ausbildung ebenfalls mit der Privatpilotenlizenz, JAR-FCL PPL-A genannt.
Beide Ausbildungsgänge haben aber nicht nur ihren Praxisteil in luftiger Höhe. Dazu kommt noch die Theorieausbildung während des Winterhalbjahres. Wenn die angehenden Flieger nicht in den Maschinen am Himmel sitzen, sitzen sie im vereinseigenen Schulungsraum und büffeln für die Theorieprüfung vor der Bezirksregierung in Münster. Mehrere Tausend Fragen aus sieben Wissensgebieten wie Meteorologie, Navigation, Technik oder Luftrecht umfasst der Prüfungsstoff. Aber irgendwann ist dann alles geschafft und die frischgebackenen Piloten können in der Lied von Reinhard May einstimmen, dass die Freiheit über den Wolken wohl grenzenlos ist.













